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Vom ersten Auto im Upland 1.4.15

Nach dem Original „Vom ehsten Auto im Uplande" aus dem WLK 1969 S. 79 bis 81.
Wenn heute noch einmal ein Kutschwagen durch ein Dorf fährt, dann gucken nicht nur die Kinder und die alten Frauen hinterher; dann stehen auch die Männer an der Straße und sperren Mund und Nase auf. So war das vor fünfzig oder sechzig Jahren, als alle Jubeljahre einmal ein Auto durch die Dörfer fuhr. Und von dem ersten Auto, was da oben in den Bergen hinter Korbach lief, davon will ich euch ein bischen erzählen.Das erste Auto im UplandDas erste Auto im UplandDie Geschichte Karl Schäfers spielte ca. 1912.

In Bömighäuser Platt wirkt die Erzählung viel kraftvoller und besser; um aber denen, die Platt nicht beherrschen einen Eindruck zu geben, wird auch eine hochdeutsche Übertragung abgedruckt.

Da lebte also in der schönen Villa der reiche Keine. Aus dem Westfälischen war er gekommen und residierte als Rentner in dem wunderschönen Bömighausen, was dann ja auch bei der Schönheitskonkurrenz den ersten Preis bekam. Eine gute Nase hatte Keine gehabt. Zwei Gäule hatte er im Stall stehen, einen Schimmel und einen Schwarzen. „So Fritz, die Pferde verkaufe ich und kaufe mir ein Auto", sagte er eines Tages zu meinem Vater. Der Fürst in Arolsen wollte die Pferde für seinen Marstall haben. Der Polizeidiener, er hatte bei den Dragonern gedient, musste die Gäule vorführen, ausreiten und auf der Dorfstraße damit über die Stange springen. Der Handel kam zu stande, und für die Gäule kaufte sich also der Keine das Auto.
Das war nun kein Kapitän, kein Kadett und kein Junior, nein das war eine gute Meisterklasse. Richtig vornehm hoch auf den Beinen stand das Automobil. Man brauchte bald ein Bänkelchen zum Einsteigen. Das Dach konnte man zusammenschieben, und wenn es Regen gab, zog man es wieder auseinander. Und eine Kurbel hatte das Auto, damit drehte man vorne am Auto den Motor an, wenn es laufen sollte. Manchmal mussten zwei oder drei Mann kurbeln. Aber wenn es lief, dann lief es, dass es nicht immer zu halten war. Fuhr er damit über die Dörfer, dann flatschten die Hühner von der Straße weg, und die Spatzen ließen Mist Mist sein. Die Menschen standen immer noch lange an der Seite, sie schlugen die Hände zusammen und schüttelten die Köpfe über das neue Zeug. Die Kinder liefen hinterher, bis bald ans andere Dorf..
Als Keine nun bald so richtig fahren konnte – nach Eppe in die Welt und nach Schleidern ins Land war er schon einmal gefahren – da nahm er einmal seine Nachbarn mit nach Korbach.
Bei Jaustes um die Kurve rum, durch die schwarzen Tannen das Ahrenscheid hoch, nach Rhena rein, das lief wie geschmiert. Bis hinter Drosten, da packte er die kleine Kurve nicht. Er rief: „Br, brr, Max", umsonst, dieser Gaul blieb erst auf der Miste stehn. Die Rhenaer halfen tüchtig ziehen und schieben, und nun kamen die vier gut nach Korbach und zurück.
Ein andermal war Keine mit seiner Gesellschaft oben im Upland gewesen. Es war spät geworden. Sie erzählten und sprachen durcheinander, wie das so schön gewesen war in Usseln, in Willingen, die Berge, die Heide und das Bier. Sie waren bald bei dem dicken Baum über dem Dorf und fuhren schon langsamer. Da – auf einmal, alle sahen das in der Wohnung von dem einen Nachbarn war ja Licht! Und dieser Nachbar wohnte doch alleine im Hause. „Kerl, was kann das sein?" fragte Frieder. „Das sind Einbrecher, durchfahren und dann gehen wir zurück und schnappen sie!" rief Fritz. Keine gab nocheinmal Gas und hielt erst auf dem Hundemarkt. Raus aus dem Auto, hinter dem Haus zwei dicke Holzstücke, eine halbe Zaunlatte und eine Mistgabel gekriegt, und dann einer hinter dem anderen her, gebückt, und auf den Fußspitzen dicht am Zaun ganz vorsichtig zurück bis ans Haus mit dem Licht. Sie horchten eine Weile, schlichen um das Haus rum, horchten unten beim Keller, packten an die Stalltür, die war zu, und guckten um die Ecke rum nach dem Fenster. Da war kein Licht mehr da. Nun ganz langsam hoch an die Haustür. Auch zu. Und wieder gehorcht. Nichts war zu hören. „Aufschließen" musste Frieder zweimal flüstern, da schloss der Nachbar die Tür ganz leise auf, alles war dunkel, mäuschenstill. Sie steckten das Petroleumlämpchen auf dem Flur an und durchsuchten das ganze Haus. Das war eine verteufelte Geschichte, sie hatten doch alle vier das Licht gesehen! Dem Frieder ging am nächsten Tag ein Licht auf. „Nein Frieder, das glaube ich dir nicht, dass das der Schein von meinem Licht gewesen ist", sagte Keine und die zwei anderen stimmten ihm zu. Sie wetteten um vier Schoppen und Heringe und probierten aus. Am Abend fuhren alle vier noch einmal bis an die Affuhrt, drehten, und dann langsam wieder am dicken Baum vorbei. Frieder hatte gewonnen. Aber nun ließen sie sich nicht mehr verdummdeubeln, wenn sie mal wieder bei Licht heimkamen.
Ja nun musste die Fahrt auch mal ins Niederland gehen, nach Wildungen, in das große Bad, wo soviel Russen hinkamen. Wo bekam man die dann sonst überhaupt zu sehen? Diesmal fuhr dem Keine seine Frau mit, das Finchen. Das musste blasen, das war gar nicht so leicht. Vor den Kurven oder auch wenn einmal ein Kuhwagen oder ein Pferdewagen auf der Straße war, dann musste sie mit dem Gummiblashorn puut – puut – puut blasen, ging es aber in ein Dorf rein, dann nahm sie das Hörnchen, was sie an einer blauweißen Schnur am Hals hatte, das glänzte silbern. Damit konnte sie hoch und tief, zwei – und dreistimmig tatü, tata blasen. – Früh um sieben dampften sie ab, über Korbach nach Sachsenhausen nach Waldeck aufs Schloß. Als sie auch die halbhohe Mauer da unten zwischen den Bergen gesehen hatten, fuhren sie weiter. Es war nun schon kurz vor Mittag, als sie an die Eder rankamen. Da bockte der Motor zum erstenmal, er tat es noch einmal und lief bis drei Meter vor die Brücke, da wars Zappenduster. Einer nach dem anderen drehte vorne mit der Kurbel. Flötepfeife! Zu allem Unglück kam auch noch eine Kutsche von Wildungen her mit feinen Herrschaften über die Brücke entgegen. Sie schoben das Auto zurück, damit der Wagen vorbei konnte. Der Kutscher hielt an und rief, sie müssten dem Pferd mehr Hafer geben. Alles konnte der Keine vertragen, aber das Auslachen nicht. Die Beine auseinander, die Backen aufgeblasen, drehten sie zu zweit, nur einmal rum. Da knatterte es wieder und sie kamen zum Essen gerade recht nach Wildungen. Nach dem Essen guckten sie sich die große Allee und den Kurpark an, sie standen lange vor dem Fürstenhof und dem Kaiserhof, wo all die reichen russischen Fürsten drin lebten. Sie hatten auch das Wasser probiert, nein, da schmeckte doch ein klarer besser, und einen Rausch konnte man davon auch nicht bekommen. Nach dem Kaffeetrinken machten sie sich in Richtung Heimat los, dieselbe Strecke zurück durchs Edertal. Dicht von der Ederbrücke stotterte der Motor, dem „Kutscher" brach der Schweiß aus, das Auto blieb stehen. All das Drehen und Keilen dabei half nichts. Frieder sagte: „Ich glaube, dieser Gaul scheut vor der dicken Brückenmauer, lasst uns erst mal das Auto über die Brücke schieben". Sie schoben es rüber an die Seite und dann drehten und drehten sie wieder. Hustekuchen. Was war zu tun. Frieder musste den Schmied von Affoldern holen. Der kam und gleich mit Hammer und Zange. Der Keine musste dem Schmied den Motor zeigen, und dann packte er einmal hierhin und dann kopfte er mal da, er tat so als ob er etwas davon verstände. Dann hielt er sich mit der einen Hand am Auto fest und mit der rechten drehte er, noch nicht einmal rum, da sprang der Motor schon an. Sie gaben ihm jeder einen Groschen zum Lohn. Der Schmied freute sich über das gute Geschäft, zeigte mit einem Finger an den Kopf und auf seinen Arm und lachte; Ja, ja nicht nur da, sondern auch hier muss mans haben. Ich glaube, da zeigte zum ersten Mal einer einem Automobilisten einen Vogel. Bis ins Upland zog eine dicke Wolke von Staub.

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